Tagesbericht 9: Kurz vor dem Ziel

Als wir in Lavis das Hotel verlassen – alles schön gekühlt dank Klimaanlage – merken wir, dass es heute morgen noch wärmer ist als sonst. Als ich auf einem Bänkchen meine Schuhe schnüre, spricht mich ein älterer Italiener an. Keine Ahnung, was er von mir will. Dann macht er mit den Händen eine Bewegung, als würde er Pedale treten. „Si“, sage ich, „Verona!“ Da strahlt er über das ganze Gesicht und überschwemmt mich mit einem Wortschwall. Wahrscheinlich hat er das auch schon mal gemacht…

Heute ist der Weg viel abwechslungsreicher, auch schattiger, viele Kurven, auch viel Verkehr, hier in Italien steckt sich jeder in Radtrikots und steigt auf’s Rad, egal wie alt. Gerd zählt auch nur fünf Elektroräder: selbst Senioren sind zu stolz dazu. In Calliano treffen wir Birgit vor der Kirche. Die ist zu – aber aus dem Gemeindehaus dringt Choralgesang. Also setzen wir uns zum Frühschoppen in die Bar und mischen uns unter die Einheimischen. Als wir aufbrechen, stürmen die Kirchgänger die Bar. Nur die schnellsten finden Platz.

Langsam zieht der Himmel zu. Hinter Rovereto tauchen aber zusätzlich zwischen den Berggipfeln dunkelblaue Wolken auf. Helle Blitze zucken. Rechtzeitig stellen wir uns in einem Tunnel unter der Autobahn unter. Wir warten über eine Stunde, als dann endlich der Regen nachlässt, dann radeln wir, bis wir Birgit treffen. Die lässt und nicht weiter: auf dem Parkplatz wurde ein Auto neben ihr von einer umherfliegenden Straßenabsperrung getroffen: in der Scheibe klafft ein Loch, der Radkasten ist verbeult. Also bleiben wir in Ala, wo wir ein einfaches Hotel finden.

Nachmittags machen wir einen Spaziergang durch den Ort, von dessen Glanzzeiten einst prächtige Paläste künden, wobei die Altstadt etwas ungepflegt wirkt, weil die meisten Leute wohl lieber in den Neubaugebieten leben wollen. Auf einem Platz spricht uns ein alter Mann an: „Italiano? Tedesci?“ Als er hört, dass wir Deutsche sind, ruft er begeistert aus: „Dann sind Sie Futter für mich!“ Er bietet kostenlos eine Stadtführung an. Gerd wirft mir flehentliche Blicke zu, da er Futter richtig als Opfer versteht. Daher wimmele ich den netten Herrn freundlich ab.

Jetzt warten wir darauf, dass das Ristorante öffnet. Noch 60 km bis Verona!

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